Kunstmarkt
Interview mit der Kunstmarktexpertin Julia Stellmann
Du schreibst für die FAZ über den Kunstmarkt. Blickst du vor allem auf etablierte Namen oder interessiert dich die junge Szene genauso?
Mich interessieren sowohl die etablierten Namen als auch die junge Szene, besonders aus meiner eigenen Generation. Ich verstehe es als Teil meines Jobs, mir möglichst viel Kunst anzuschauen, um Analogien herstellen und mir ein fundiertes Urteil bilden zu können. Dazu gehören Besuche in Institutionen, Galerien und Messen, aber auch Akademierundgänge, Atelierbesuche und das Beobachten der Off-Szene. Gerade die junge Szene ist spannend, weil sie die etablierten Namen von morgen hervorbringt. In ihr lassen sich bereits Entwicklungen und Trends erkennen, welche den Kunstbetrieb künftig prägen könnten.
Der Kunstmarkt verändert sich rasant. Welche Rolle spielen heute noch klassische Galerien und Messen, und wie stark greifen Online Plattformen ein?
Ich bin überzeugt, dass das Galeriemodell auch in Zukunft Bestand haben wird. Galerien sind nicht nur Verkaufsplattformen, sondern spielen eine entscheidende Rolle bei der Entdeckung neuer Talente. Im Idealfall begleiten sie Künstlerinnen und Künstler langfristig in ihrer Entwicklung, beraten, vernetzen und fördern sie. Die Repräsentation in anerkannten Galerien erzeugt zudem symbolisches Kapital und fungiert als Qualitätssignum. Gleichzeitig scheint sich die wirtschaftliche Situation kleinerer und mittlerer Galerien aktuell zu verschärfen. Faktoren wie zurückhaltendere Kaufbereitschaft oder steigende Messekosten setzen sie zunehmend unter Druck. Parallel dazu kaufen insbesondere jüngere Sammlerinnen und Sammler häufiger online. Digitale Plattformen können deshalb – gerade für jüngere Künstlerinnen und Künstler – eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Galeriemodell darstellen. Sie haben in den vergangenen Jahren, beschleunigt durch die Pandemie, an Bedeutung gewonnen und tragen zu mehr Transparenz und Zugänglichkeit im Kunstbetrieb bei. Die Zukunft wird wahrscheinlich einen hybriden Kunstmarkt hervorbringen.
Institutionen gelten als Karrieremotor. Wie entscheidend sind Museen, Kunstvereine und Förderprogramme tatsächlich für den Erfolg von Künstlerinnen und Künstlern?
Diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit, Bekanntheit und Anerkennung. Je häufiger eine künstlerische Position in institutionellen Kontexten erscheint oder bei Preisen, Residencies und Stipendien berücksichtigt wird, desto stärker wächst ihre Sichtbarkeit. Dadurch werden weitere Gatekeeper im Kunstbetrieb auf die Arbeit aufmerksam, und mitunter kann sich sogar eine Art Hype entwickeln. Förderprogramme schaffen zudem Zeit und Ressourcen, um sich unabhängig von ökonomischem Druck der eigenen Arbeit zu widmen. Für Sammlerinnen und Sammler fungiert institutionelle Anerkennung auch als eine Form der Risikoabsicherung, sodass Preise nach Museumsausstellungen meist steigen. Nach Bourdieu ließe sich sagen: symbolisches Kapital verwandelt sich langfristig in ökonomisches Kapital. Natürlich gibt es auch Künstlerinnen und Künstler, die vor allem im institutionellen Kontext präsent sind, etwa in Kunstvereinen, ohne stark in den Markt vorzudringen. Zudem entscheiden Institutionen heute nicht mehr allein über Sichtbarkeit, da soziale Medien und alternative Netzwerke an Bedeutung gewinnen. Dennoch erhöhen institutionelle Legitimation und damit verbundene Aufmerksamkeit die Chancen auf eine nachhaltige Karriere erheblich.
Viele sprechen von einem überfüllten Feld. Wie realistisch ist es heute noch, als junge Künstlerin oder junger Künstler vom eigenen Werk zu leben?
Die meisten künstlerischen Felder sind heute stark überfüllt. Deshalb sollte der Fokus zunächst auf der Entwicklung einer eigenen künstlerischen Sprache und Haltung liegen. Sie bildet die Grundlage für langfristigen Erfolg, der aber häufig erst nach vielen Jahren eintritt. Nur ein kleiner Bruchteil der Absolventinnen und Absolventen von Kunstakademien schafft es, ausschließlich von der eigenen Kunst zu leben. Das hängt auch mit einer gestiegenen Anzahl von Kunsthochschulen, einer höheren Attraktivität des Berufs und insgesamt mehr Zugänglichkeit zusammen. Dieses Phänomen ist allerdings keineswegs auf die bildende Kunst beschränkt; in Literatur oder Musik zeigt sich eine ähnliche Situation. In Irland wurde in diesem Jahr ein staatliches Programm eingeführt, das Kunstschaffenden ein regelmäßiges Einkommen garantiert. Solche Modelle finde ich sehr interessant. Kunst leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft und sollte entsprechend gefördert werden.
Der Einstieg in den Kunstmarkt gilt als intransparent. Was würdest du jungen Künstlerinnen und Künstlern konkret raten?
Ich bin der Meinung, dass sich Qualität langfristig durchsetzt. Die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Sprache und Haltung bildet daher die unumgängliche Grundlage einer erfolgreichen Karriere. Im Marketing würde man von einem „Unique Selling Point“ sprechen – also einer unverwechselbaren Position. Darüber hinaus ist es sicher hilfreich, sich innerhalb der Kunstszene zu vernetzen: Ausstellungseröffnungen zu besuchen, Kontakte zu knüpfen und die eigene Arbeit sichtbar zu machen. Eine Website oder auch ein Instagram-Profil kann dabei als digitale Visitenkarte dienen. Ein gutes Portfolio und eine professionelle Dokumentation der Werke ist darüber hinaus nicht zu unterschätzen. Für mehr finanzielle Stabilität ist es, wie bereits erwähnt, ratsam, sich auf Förderprogramme zu bewerben. Entscheidend bleibt jedoch die kontinuierliche Weiterentwicklung der eigenen Position. Und wie so oft braucht es am Ende auch ein Quäntchen Glück.
Wie prägend ist die Wahl der Kunstakademie und vor allem der Professorinnen und Professoren für eine künstlerische Laufbahn?
Die Akademie bildet für viele Künstlerinnen und Künstler den Ausgangspunkt ihrer Laufbahn. Sie schafft einen Kontext und bietet im besten Fall einen fruchtbaren Boden für die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Position. Für viele ist die Zeit an der Akademie prägend. Gleichzeitig kommt es nicht selten vor, dass Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium wieder stärker zu Interessen zurückkehren, die sie bereits vor der Akademie verfolgt haben, um sich bewusst von ihren Professorinnen und Professoren abzugrenzen. Wie stark Studierende letztlich von ihrer Ausbildung profitieren, hängt sehr von den jeweiligen Lehrenden ab. Im Idealfall entwickeln sie dort nicht nur eine Haltung zur Kunst, sondern profitieren auch von Netzwerken und Kontakten. Gerade in Deutschland spielt das „Label“ einer bestimmten Klasse noch immer eine gewisse Rolle, sollte aber nicht überschätzt werden.
Wenn du dich festlegen müsstest. Welche fünf Kunstakademien in Deutschland setzen derzeit die wichtigsten Impulse?
Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Frankfurt und München.
Bist du in deinen Kritiken gegenüber jungen Positionen nachsichtiger oder gerade strenger als bei etablierten Künstlern?
Das hängt stark davon ab, an welchem Punkt sich eine künstlerische Position befindet. Einzelne Studierende an Akademien öffentlich zu kritisieren, halte ich für schwierig, da sie sich häufig noch in einer Findungsphase befinden und ihre Arbeit im Entstehen begriffen ist. In dieser Phase sind viele sehr sensibel im Umgang mit Kritik, und es besteht die Gefahr, dass man zu stark in eine künstlerische Entwicklung eingreift. Kritik kann hier eher eine unterstützende Rolle spielen, etwa indem sie Aufmerksamkeit auf noch unbekannte Positionen lenkt. Anders verhält es sich bei Künstlerinnen und Künstlern, die bereits stärker im Ausstellungsbetrieb präsent sind. Dort gehört eine kritische Auseinandersetzung selbstverständlich zum Diskurs.
