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Sammler Portrait 1
„Man sammelt nicht Bilder, man sammelt Momente“
Ein Gespräch mit dem Kunstsammler Tobias Richter über Leidenschaft, Strategie und den Zauber des ersten Kaufs.
Herr Richter, erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Kunstwerk?
Oh ja – sehr genau sogar. Es war ein kleines Foto, eine Edition von einer damals noch völlig unbekannten Künstlerin aus Leipzig. Ich war Anfang dreißig, auf einer Vernissage eines Freundes, und habe das Werk spontan gekauft. Es hat mich einfach gepackt – diese Mischung aus Verletzlichkeit und Ruhe. Ich hatte kein Konzept, keine Ahnung vom Markt. Ich wollte es einfach besitzen, in meiner Wohnung sehen. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass Sammeln etwas sehr Persönliches ist.
Wann wurde aus diesem ersten Impuls eine Sammlung?
Das geschieht schleichend. Man denkt zunächst: „Ich habe ein paar schöne Werke.“ Aber irgendwann merkt man, dass sich Themen wiederholen – bei mir etwa das Motiv des Körpers im Raum, das Verhältnis von Nähe und Distanz. Ich begann, gezielter zu suchen, Künstler zu vergleichen, Hintergründe zu lesen. Das war der Punkt, an dem aus dem Sammeln ein Denken wurde. Ich würde sagen: Eine Sammlung entsteht, wenn man anfängt, bewusst Lücken zu erkennen.
Was treibt Sie heute an – Leidenschaft oder Marktwert?
Ganz klar Leidenschaft. Der Markt ist flüchtig, Trends kommen und gehen. Ich habe in den letzten Jahren erlebt, dass Werke, die einmal hoch gehandelt wurden, plötzlich keiner mehr wollte – und umgekehrt. Mich interessiert das Authentische. Wenn ein Werk ehrlich ist, bleibt es relevant. Natürlich schaue ich auch auf Preise und Provenienz, aber das darf nie das Herz der Sache sein. Wenn man Kunst nur als Anlage sieht, verliert man das Wesentliche.
Wie gehen Sie beim Kauf heute vor?
Ich versuche, Künstlerinnen und Künstler persönlich kennenzulernen. Mich interessiert, wie sie denken, welche Themen sie umtreiben. Oft besuche ich Ateliers oder kleinere Off-Spaces. Das ist viel spannender als große Messen, wo alles schon gefiltert ist. Ich kaufe lieber direkt – da spürt man die Energie, die ein Werk in sich trägt. Und ich dokumentiere alles sorgfältig: Rechnungen, Zertifikate, Ausstellungshistorie. Das ist ein wichtiger Teil jeder Sammlung.
Welche Rolle spielt für Sie die Mischung aus jungen und etablierten Positionen?
Ich finde, eine gute Sammlung sollte beides haben. Die etablierten Künstler geben Orientierung, sie schaffen Bezüge, die man als Sammler braucht. Aber die jungen Positionen bringen Bewegung rein, sie fordern heraus. Ich erinnere mich an eine junge Malerin, deren Werke ich 2015 gekauft habe – damals für ein paar Hundert Euro. Heute hängt sie in großen Museen. Aber der Reiz war nie die Spekulation, sondern ihr Mut.
Man muss ein Risiko eingehen, sonst bleibt die Sammlung steril.
Wie verändert das Sammeln den eigenen Blick auf Kunst?
Radikal. Früher bin ich einfach durch Ausstellungen geschlendert. Heute sehe ich anders – strukturierter, bewusster. Ich frage: Was erzählt dieses Werk über unsere Zeit? Passt es zu meinem Kanon oder sprengt es ihn? Sammeln heißt auch, sich selbst zu hinterfragen. Jede neue Arbeit ist ein Stück Dialog mit der eigenen Geschichte.
Was raten Sie jemandem, der gerade anfängt zu sammeln?
Zeit lassen. Nicht alles sofort kaufen. Sehen, vergleichen, spüren. Die eigene Intuition ist am Anfang das wichtigste Werkzeug. Und: Keine Angst vor kleinen Anfängen. Eine Sammlung muss nicht teuer sein. Sie wächst mit dem Blick, nicht mit dem Budget.
Und man sollte sich erlauben, Fehler zu machen – das gehört dazu. Jedes Werk, das man kauft, ist auch ein Lernschritt. Wenn man Glück hat, ein schöner.
Und wenn Sie ein Motto formulieren müssten?
(lächelt) Vielleicht dieses: Man sammelt nicht Bilder, man sammelt Momente.

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