Höhe + Breite x Vita

Vom Faktor zur Wertsteigerung – ein Blick hinter die Kulissen des Kunstmarkts

Warum kostet ein Gemälde 1.200 €, ein anderes 120.000 € – und ein Werk von Gerhard Richter mehrere Millionen?
Die Preisbildung in der Kunst ist komplex, doch es gibt eine recht präzise Methode, mit der viele professionelle Künstler:innen ihre Preise kalkulieren: den sogenannten Kunstfaktor.

Der Kunstfaktor: Höhe + Breite × Faktor

Die Berechnung ist erstaunlich einfach – und zugleich aussagekräftig.
Der Preis eines Kunstwerks ergibt sich aus der Summe von Höhe und Breite in Zentimetern, multipliziert mit einem individuellen Faktor, der die künstlerische Position widerspiegelt:

Preis = (Höhe + Breite) × Faktor

Beispiel:
Ein Gemälde misst 100 × 100 cm, der Faktor beträgt 10:
→ (100 + 100) × 10 = 2.000 €

Dasselbe Bild eines etablierten Künstlers mit einem Faktor von 5000:
→ (100 + 100) × 5000 = 1.000.000 €

Der Weg zum Faktor

Nach Abschluss einer Kunsthochschule beginnen viele Künstler:innen mit einem Faktor zwischen 8 und 15.
Dieser Wert ist keineswegs willkürlich – er ergibt sich aus Ausbildung, Technik, Qualität der Präsentation und den ersten Ausstellungserfahrungen.

Mit zunehmender Anerkennung steigt der Faktor. Entscheidend sind hier vor allem:

  • Anerkannte Ausstellungen in Off-Spaces, Galerien, Kunstvereinen oder Museen

  • Verkaufszahlen und Sammlerinteresse

  • Presseberichte und Katalogveröffentlichungen

  • Teilnahme an Kunstmessen oder Residencies

  • Rezeption in der Fachwelt

Je stärker ein Werk oder eine künstlerische Position im Diskurs steht, desto höher wird der Faktor – und damit der Marktwert.

Zum Vergleich:
Der deutsche Maler Gerhard Richter gilt als einer der teuersten lebenden Künstler. Sein Faktor liegt bei rund 5000 – das bedeutet, ein Quadratzentimeter seiner Malerei kann bis zu 5000 € kosten. Ein 100 × 100 cm großes Werk hätte damit einen rechnerischen Wert von etwa zwei Millionen Euro.

Mehr als Mathematik

Natürlich ist der Kunstmarkt kein exaktes Rechenmodell. Emotionen, Sammlerpsychologie, Seltenheit, Werkphase und Nachfrage spielen eine enorme Rolle.
Der Faktor bietet dennoch eine transparente Orientierung – er schafft eine nachvollziehbare Struktur zwischen handwerklichem Aufwand, künstlerischer Entwicklung und Marktwert.

Erfahrene Sammler:innen achten dabei weniger auf Größe oder Preis, sondern auf Konsistenz: Ob ein Werk im Verhältnis zu anderen Arbeiten der Künstlerin oder des Künstlers stimmig bewertet ist.

Fazit

Der Preis eines Kunstwerks entsteht also nicht im luftleeren Raum. Er wächst mit der künstlerischen Laufbahn, den Ausstellungen, der Resonanz – und letztlich mit der Zeit.
Der Kunstfaktor ist kein starres System, sondern ein Spiegel der künstlerischen Entwicklung.
Er macht sichtbar, was oft unsichtbar bleibt: den langen Weg vom Atelier zur Anerkennung.

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