Sammler Portrait 2

„Kunst ist meine Sprache“ – Leon, 24, sammelt schon jetzt Werke seiner Generation

In einem kleinen WG-Zimmer in Leipzig steht kein Fernseher, sondern eine Leinwand. Daneben lehnt ein gerahmter Druck, auf dem man eine verschwommene Hand vor einem Bildschirm erkennt. Auf dem Schreibtisch: Kunstkataloge, ein Laptop, eine Espressotasse mit Farbresten am Rand. Leon, 24, studiert Kunstgeschichte im Master – und ist einer der jüngsten Sammler seiner Stadt.

„Ich habe nie geplant, zu sammeln“, sagt er und lächelt leicht verlegen. „Es hat einfach angefangen, als ich das erste Mal ein Werk nicht mehr vergessen konnte.“


Der erste Kauf – und die Erkenntnis, dass man Teil von etwas Größerem wird

Das erste Werk war ein kleines Aquarell, gekauft auf einer Abschlussausstellung der Hochschule für Grafik und Buchkunst. 180 Euro, gerahmt. „Ich hatte damals kaum Geld. Aber das Bild hat mich verfolgt. Ich bin drei Tage später wieder hingegangen – und habe es gekauft.“

Seitdem kauft Leon regelmäßig – aber mit Bedacht. Kein Zufall, keine Mode, kein blinder Ehrgeiz. „Ich sammle Arbeiten von Leuten, die in meinem Umfeld sind – Künstlerinnen und Künstler meiner Generation. Viele kenne ich persönlich. Mich interessiert, wie sie unsere Zeit sehen. Ich will, dass meine Sammlung ein Porträt dessen wird, was wir fühlen.“

Heute umfasst seine kleine, aber wachsende Sammlung zwölf Werke: Zeichnungen, Fotografien, ein Objekt aus Plexiglas und Neonlicht. Alles in Bewegung, alles noch im Werden – genau wie er selbst.


Zwischen Leidenschaft und Alltag

Leons Sammlung entsteht zwischen Seminararbeiten, Nebenjobs und WG-Küche. Oft spart er monatelang für ein Werk. „Ich sehe das nicht als Luxus“, sagt er, „sondern als Teil meines Lebens. Andere geben Geld für Technik oder Reisen aus – ich für Kunst.“

Er hängt die Arbeiten nicht aus Prestige auf, sondern aus Nähe. „Ich will mit ihnen leben. Manche Stücke hängen über meinem Bett, andere im Flur. Ich brauche diesen täglichen Blickkontakt.“

Manchmal besucht er die Künstlerinnen später wieder, sieht neue Serien, erkennt Entwicklungen. „Das ist das Schönste: wenn man merkt, dass man jemanden schon früh begleitet hat.“


Ein anderer Blick auf Wert

Leon spricht ruhig, reflektiert, fast zärtlich über seine Sammlung. Marktwerte interessieren ihn kaum. „Kunst hat für mich erst dann Wert, wenn sie etwas mit mir macht. Ich hoffe, dass ich später, wenn ich älter bin, noch weiß, warum ich ein Werk gekauft habe. Das ist mir wichtiger als jeder Preis.“

Er dokumentiert alles sorgfältig – notiert Kaufdaten, Ausstellungstitel, Gespräche mit Künstlern. „Vielleicht wird das irgendwann mal eine richtige Sammlung. Aber im Moment ist es eher ein Archiv meiner Generation.“


Junge Sammler, neue Perspektiven

Leons Haltung steht für eine neue Generation von Sammlerinnen und Sammlern: digital vernetzt, emotional engagiert, weniger statusorientiert. Sie kaufen auf Kunstmessen, aber auch direkt über Instagram oder kleine Off-Spaces. Sie suchen Nähe statt Distanz, Dialog statt Prestige.

„Ich glaube, wir sind weniger von Besitz fasziniert als von Bedeutung“, sagt Leon. „Wenn ich ein Werk kaufe, will ich verstehen, was es über unsere Gegenwart erzählt. Das ist mein Luxus – nicht, dass es mir gehört, sondern dass ich es begreifen darf.“


Ein stilles Selbstporträt in zwölf Bildern

Am Ende zeigt Leon ein Foto seiner Wand: Zwölf Arbeiten, eng nebeneinander gehängt, kein System, keine Hierarchie. „Vielleicht ist das das Schöne am Anfang“, sagt er. „Alles ist noch offen.“

Er lächelt, schaut auf die Bilder und sagt leise:
„Ich glaube, jede Sammlung erzählt eine Geschichte. Meine fängt gerade erst an.“

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